Über den Wolken – Meine Flugangst und ich

Die Hände schwitzen, das Herz rast, man verspürt ein Kribbeln im Nacken und kann nicht mehr still sitzen. Es gibt viele Anzeichen, wie sich eine Panikattacke bemerkbar macht. Manche bekommen Ausschlag, andere verbringen Stunden auf der Toilette, wieder andere brechen in Tränen aus. Auch mich überkommt jedes Mal wieder aufs Neue eine Panikattacke, wenn ich in einen Flieger steige. Schon ein Tag vorher überkommt mich diese Panik. Ich bekomme Ausschlag, überall auf meinem Körper, Tage vorher schon kann ich nichts mehr essen, meine Hände zittern, ich schwitze so viel als wären es draußen 40 Grad im Schatten und kann meine Tränen nicht mehr kontrollieren.

Flugangst. Ich kann euch gar nicht genau sagen, woher diese Angst kommt. Zum ersten Mal geflogen bin ich mit 16 Jahren, mit meinem damaligen Freund aufs spanische Festland. Ich fand gefallen am Reisen und stieg immer häufiger in einen Flieger und mit jedem Mal hatte ich das Gefühl, meine Angst würde größer werden. Ich fühlte mich wie betäubt, entwickelte ein Ritual für mich selbst was darin bestand, vor dem Einsteigen in das Flugzeug immer erst seine Außenhülle zu berühren und dann einen Blick ins Cockpit zu werfen, nur um sicherzugehen, dass alles seine Richtigkeit hatte, obwohl ich natürlich keine Ahnung hatte, was in einem Cockpit nun der Richtigkeit entsprach oder nicht. Dennoch fühlte ich mich besser damit. Auch heute führe ich dieses Ritual vor jedem Flug durch, habe das Gefühl, es mehr denn je zu brauchen. Schnurstraccks gehe ich auf meinen Sitz, der immer am Gang ist, vor, setze mich hin, lasse meine Begleitperson mein Gepäck oben im Gepäckfach verstauen, schnalle mich an, kralle mich in den Armlehnen fest und warte … warte, bis das ohrenbetäubende Geräusch der Motoren ertönt und der Pilot das Flugzeug zum Rollen bringt, dann seine Ansage macht, die Schnauze hochzieht und uns zum Abheben bringt.

Selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, habe ich Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ich fühle mich als befände ich mich in diesem Augenblick in eben genau dieser Situation; als säße ich gerade in einem Flugzeug darauf wartend, dass man mir sämtliche Kontrolle über mein Leben entzieht. Denn im Endeffekt ist es das, wovor ich solche Angst habe. Es ist nicht das Eingesperrtsein in dieser kleinen Blechbox oder die Höhe, zumindest nicht nur. Hauptgrund für meine Angst ist der Kontrollverlust. Ich liefere mich in diesem Augenblick dem Piloten aus, lege mein Leben in seine Hände und hoffe, dass er mich heil an mein Ziel bringt. Viele machen sich diese Gedanken gar nicht, für sie ist es wie Autofahren; wie in einem Taxi zu sitzen. Sie machen es sich gemütlich, lehnen sich zurück und genießen eben genau das, wovor ich die meiste Angst habe; davor, nicht in der Verantwortung zu sein. Doch kann auch ich mich einfach treiben lassen? Kann ich es schaffen, meine Angst zu besiegen?

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In den letzten zwölf Jahren hatte ich viel Zeit mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen; habe auch Einiges versucht, meine Angst zu überwinden. Angefangen habe ich mit Beruhigungsmitteln, verschrieben von meinem Hausarzt, die allerdings nicht halfen. Weiter ging es mit Akupressur Bändern und pflanzlichen Beruhigungstropfen. Irgendwann versuchte ich es auch tatsächlich mit Alkohol und bei meinem letzten Flug versorgte mich meine Freundin, die in einer Psychiatri arbeitet, mit sehr starken Beruhigungsmitteln. Nichts half. Nicht einmal Therapiestunden, die ich von der Krankenkasse bezahlt bekam in der Hoffnung, dass mir ein Psychologe helfen könnte, meine Flugangst hinter mir zu lassen. Nichts half. Zumindest nicht dauerhaft.

Es gab bisher nur eine Situation in der ich bisher keine Angst hatte. Das war im Jahre 2011, als ich für einen Monat nach New York flog, alleine.

Ich verpasste meinen Flieger, wurde daher auf einen anderen Flug umgebucht. Ich glaubte schon es wäre ein schlechtes Omen, dass ich nun in einem Flieger saß, der abstürzen würde und ich am Ende noch selbst Schuld sei, da ich es war, die den ersten Flieger verpasst hatte. Das Flugzeug war fast leer, weit und breit keine Menschen, vereinzelt saß mal einer am Fenster; ein paar Reihen vor oder ein paar Reihen hinter mir und ich mitten drin, voller Panik, in Tränen ausbrechend, zitternd und so schwer atmend, dass ich kurz vor einer Ohnmacht stand. Eine Stewardess kam zu mir und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob ich Hilfe bräuchte. Ich erzählte ihr von meiner Flugangst, sie lächelte, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte, ich müsse keine Angst haben, Fliegen sei das sicherste Verkehrsmittel der Welt. Natürlich war ich mir dessen bewusst. Ich bin Profi im Googeln, kenne die Unfallquote einer jeden Airline und weiß ganz genau, wie ein Flieger funktioniert, was passieren könnte, was aber nie passiert und wie oft tatsächlich mal ein Flugzeug abstürzt.

Die Stewardess sagte mir ich solle ruhig atmen, sie sei gleich zurück. Es vergingen Minuten, die sich anfühlten wie Stunden. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung, versuchte an etwas Schönes zu denken; an New York und das, was mir bevorstand; all die tollen Stunden und Tage in meiner absoluten Lieblingsstadt. Kurze Zeit später, wie versprochen, kam die Stewardess zurück und fragte, ob ich eine Führung durch den Flieger möchte. Vielleicht würde mir das ein wenig helfen, mich zu beruhigen. Sie zeigte mir also nicht nur den ganzen Flieger, sondern stellte mich auch ihren Kollegen vor. Zurück an meinem Platz dauerte es kaum fünf Minuten, bis besagte Stewardess wieder neben mir stand und mir mitteilte, dass der Pilot angeboten hätte, ich dürfe im Cockpit mitfliegen, wenn ich denn Interesse hätte. Ich staunte nicht schlecht, wusste ich doch, dass es eigentlich streng verboten war für Passagiere, das Cockpit zu betreten, geschweige denn, im Cockpit mitzufliegen. Wann also bekam man schon mal so eine Chance? Ich nickte also, dankend, voller Aufregung und Nervosität und folgte der Stewardess ins Cockpit. Ich setzte mich auf den dritten Sitz im Cockpit, wurde vom Piloten und der Copilotin begrüßt, bekam eines dieser Headsets auf und wurde Zeuge, was in einem Cockpit vor, während und nach dem Start passiert. Mir wurde alles vom Piloten erklärt, jeder Knopfdruck, jedes Wort; die Copilotin bot mir sogar Schokolade an, die ich dankend ablehnte, da ich meinem Bauch und dem Rumoren darin noch immer nicht traute. Und dann ging es los. Der Pilot zog die Nase der Maschine hoch und plötzlich waren wir in der Luft. Ich konnte nicht glauben, wie angenehm das Fliegen hier vorne war. Im Gegensatz zu hinten sah man nichts außer Himmel und obwohl wir steil in den Himmel hinaufstiegen, merkte ich gar nichts. Es kam mir zum ersten Mal tatsächlich vor wie Autofahren, ohne Ruckeln, ohne das nervige Geräusch des Motors oder der einfahrenden Klappen/Räder.

Es war großartig; eines der besten Erlebnisse in meinem ganzen Leben und während ich beobachtete, wie die Piloten das Flugzeug steuerten, sich unterhielten, Späße machten, aßen, Schokolade naschten, mich ausquetschten über meine Pläne in New York und über mein vergangenes Auslandsjahr etc. wurde mir klar, wie viel Angst ich mir immer umsonst gemacht hatte, denn die Piloten wissen ganz genau, was sie tun. Für sie ist es tatsächlich nicht anders als für uns das Autofahren. Sie werden geschult und ausgebildet, regelmäßig auf ihre Tauglichkeit getestet etc. pp.

Das war bisher der erste und leider bislang auch einzige Flug, auf dem ich keine Angst hatte. Ich hatte Spaß, ich fühlte mich gut und frei und zum ersten Mal schaffte ich es tatsächlich, mich zurückzulehnen und den Flug zu genießen, einfach abzuschalten, zu lesen und Filme zu schauen.

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Ich wünschte dieses Gefühl würde anhalten; ich wünschte ich könnte es schaffen, mich in diese Situation hineinzuversetzen, wann immer ich in ein Flugzeug steige. Leider ist meine Flugangst nach wie vor präsent und ich suche noch immer nach Mitteln und Wegen, meine Angst zu überwinden. Etwas, was mir tatsächlich geholfen hat, ist das Hörbuch Flugangst. Endlich wieder entspannt fliegen. Hier erklärt ein Lufthansa Pilot sämtliche Flugvorgänge und Geräusche, die in einem Flieger auftreten können und man durchlebt quasi regelrecht einen Flug, vom Start bis zur Ladung. Außerdem gibt es auf diesem Hörbuch auch jede Menge Entspannungstipps und andere Ideen, seine Flugangst zu bekämpfen. Es hat mir meine Angst zwar nicht ganz genommen, doch vor jedem Flug höre ich mir das Hörbuch an, egal ob im Auto oder abends im Bett, spiele es rund um die Uhr ab um mich so an die Situation des Fliegens neu zu gewöhnen und vor allen Dingen an die vielen verschiedenen Geräusche, die mit unter Hauptauslöser sind für meine Ängste.

Viele fragen mich, ob mich die Flugangst irgendwie einschränkt; ob ich dadurch weniger fliege oder weniger reise. Wie man sieht, reise ich sehr gerne und auch sehr viel; bin schon sehr viel rum gekommen und schon so oft geflogen, dass ich es kaum mehr zählen kann. Es schränkt mich also nur in einer Form ein und zwar dass mir meine Angst während des Fluges mein Leben zur Hölle macht. Auf das Reisen verzichte ich nicht, dafür habe ich zu viel Freude daran.

Bei dem Flug handelte es sich im Übrigen um ein Lufthansa Flug; seither buche ich 95 % meiner Reisen immer über Lufthansa, auch eine Art Ritual von mir, da ich mich bei Lufthansa einfach am sichersten und am besten aufgehoben fühle.

Wie ist das bei euch? Habt ihr auch Flugangst oder liebt ihr das Fliegen? Wie geht ihr gegen Flugangst an? Habt ihr irgendwelche Rituale bzw. Tipps? Habt ihr vielleicht sogar bereits Mittel und Wege gefunden, eure Angst zu bekämpfen?

 

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